Emsdettener Sagen
DAT VIENMÖRKEN
Im Nordwesten Emsdettens liegt das Venn. Früher war es noch viel größer als heute. Seitdem das Wasser dort abfliesen kann, sind schon viele Stellen trockenes Land geworden. Fleißige Leute haben große Mengen Torf abgestochen. Aber immer noch steigt an warmen Sommerabenden der weiße Nebel aus dem Wasser. Er hüllt die Birken in Watte ein. Die tiefschwarzen Wasserflächen sind verschwunden. Die Farnkräuter und das Heidekraut tauchen im weißen Nebelschleier unter. Auch das Wollgras mit seinen weißen Blütenhaaren verschwindet im Gewoge des Nebels. Wie gern würden Kinder in das Venn hineinstürmen. Hier gäbe es ja so viele Blumen zu pflücken! Man könnte sogar versuchen, die flinken Eidechsen zu fangen oder den rot schimmernden Molchen im Moorwasser zusehen. Man könnte sich auf den Bauch in die Sonne legen und den fleischfressenden Sonnentau beobachten. Aber das wäre schön, wenn man ins Venn hineingehen dürfte. Doch man darf es nicht; denn die Eltern haben es verboten. „Dat Vienmörken haalt di!“, so heißt es immer wieder. Hinter einem Torfstapel steht die Alte, von der man nicht weiß, ob sie ein guter oder ein böser Geist ist. Siehst Du sie nicht? Dort hinter der hohen Birke zieht sie ihren weißen Schleier. Lockt sie nicht auch aus dem undurchsichtigem Moorwasser? Überall scheint sie ihre langen Arme mit den wehenden Schleiern auszubreiten, um unartige Kinder in Empfang zu nehmen. Auch zwischen den langen Binsenhalmen hat Vienmörken dünne Fäden gespannt, an denen in der Morgensonne die Tauperlen glitzern. Sind es nur Netze der Spinnen, oder sind es nicht doch Vienmörkens Schleier, die wie Fangarme oder Fallen ausgelegt sind? Vienmörken spukt im Venn. Uns stört das nicht; Denn wir laufen nicht allein hinein. Wir bleiben auf den Wegen, da kann uns der fesselnde Schleier nicht umgarnen.
DER TEINUHRSHUND
So ganz genau hat ihn niemand gesehen, den Teinuhrshund. Aber pechschwarz muß er gewesen sein, so schwarz wie die Nacht, in der er umging. Aus dem dunklen Ungetüm starrten einem zwei böse Augen an mit einem furchtbarem Blick., „twee Augen äs ne füerige Klucke“, Abends gegen zehn Uhr zog er bis zum „Hunnebaum“ und schleppte dabei eine eiserne Kette hinter sich her. Die Leute schlossen die Fenster, bekreuzigten sich und „biewerten“ mit angehaltendem Atem. Sie flüsterten: „He gaiht wier üm!“ Sie wagten nicht, ihm nachzuschauen, weil man davon einen dicken Kopf bekam. Ein mutiger Kerl machte sich dennoch daran, ihn zu bannen. Er nahm einen Leiterwagen und montierte ein Hinterrad ab. Dann legte er sich auf die Lauer und klemmte blitzschnell den überraschten Hund unter die Achse, wo das Rad fehlte. Da war er nun selbst das vierte Rad am Wagen. Sofort spannte der mutige Kerl zwei Pferde vor das seltsame Fuhrwerk und ab ging´s im Galopp in den Brook. Dort mochte der Hund nun spuken, soviel er Lust dazu hatte. Und das tat er auch. So kam das Gerücht auf, der Teinuhrshund habe einen Pakt mit irgendwem geschlossen. Nach dem Vertrag durfte er pro Jahr dem Dorf Emsdetten einen „Hahnenschritt“ näherkommen. Damals konnte man gut auf diese Abmachung eingehen: Wann et so wiet is“ sagten sich die Leute, „dann doht us de Kusen nich mäh weh!“ Aber das ist lange her. Die Häuser der Stadt wachsen immer mehr in Richtung Brook und der Teinuhrshund muß inzwischen eine Menge Hahnenschritte näher gekommen sein. Bald werden wir wohl wieder von ihm hören.
WENN HEXEN HEXEN....
An „Blomerts Guott“ und anderen Hexentanzplätzen trafen sich - das wußte jedermann - die Hexen. Sie kreischten weithin hörbar und legten wilde Tänze aufs Waldparkett. Sie waren wohl gern unter sich und spielten darum neugierigen Zuschauern übel mit. So zerkratzten sie einem Spätheimkehrer aus Austum furchtbar das Gesicht und die Hände und rissen ihm die Jacke vom Leib. Wankend kam er nach Hause, aus vielen Kratzern blutend, soeben dem Tode entronnen. Seine Jacke und eine leere Flasche Fusel fand man am nächsten Tag - in einer Brombeerhecke. Womit sich die Frage ergibt, ob die Hexen wirklich Hexen waren. Einem biederen Wännkler entdecken sie am Kanaldamm, wie er ihnen heimlich zuschaut. Sie winkten ihm näher zu kommen und mitzutrinken. Sie reichten ihm einen Becher aus purem Gold mit funkelnden Brillanten. Er trinkt, dankt und darf den Becher als Andenken einstecken. Zu Hause angekommen, will er seiner Frau das Wunder zeigen. Aber was zieht er aus der Tasche? ... einen alten Kuhfladen! Ein junger Mann aus Emsdetten hat einmal vor seinen Freunden große Reden geführt, er fürchte sich vor keiner Hexe. In der selben Nacht noch hat ihn eine Hexe furchtbar geplagt. Sie kniete auf seiner Brust und schnürte ihm die Luft ab. Nur mit Müh und Not konnte er sich befreien... und wurde wach. Hin und wieder trafen sich die Hexenan dem alten Brunnen vor Stroetmanns Fabrik. Die älteren Leute wissen noch, das dieser Ort „Hexenlock“ hieß. Das der Dörferschützenverein hier sein Torfvogelschießen abhielt, vergraulte offenbar den Hexen ihre Hexenfreude und sie zogen ab. Aber dafür schlichen sie sich in den Namen des Festes hinein: „Hexenschüttenbeer“, worin sie bis zum heutigen Tage weiterleben und dabei noch allerlei Dummheiten anstellen.
AM DREISTEENERNKRÜS
Einst lebte in Emsdetten ein wunderschönes Mädchen. Kein Wunder, das mancher junge Mann ihr gefallen und sie zur Frau gewinnen wollte. Doch Elisabeth Marie mochte sich nicht entscheiden. Da sah der Teufel eine günstige Gelegenheit, sein böses Spiel zu treiben. Er rief seine Kinder zusammen und ließ sie zur Erde hinauf. Sie sollten sich der jungen Freier, sieben an der Zahl, auf ihre Weise annehmen. Der Neid sollte ihre Sinne verwirren, die Eifersucht ihre Seelen verdunkeln und der Streit ihr Herz zerfressen. „Und nun“, rief der Teufel, „an die Arbeit, ihr meine Brut! Auf das die Hölle lache und der Himmel, verflucht sei er, weine!“ Die Kinder des Teufels säten Neid und Eifersucht in die Herzen der jungen Männer, die um das Mädchen warben. Aus Neid und Eifersucht wurde blinder Haß. Dort, wo die drei Kreuze stehen, auf dem Hügel am Weg zur Ems, trafen sich die sieben und fielen übereinander her, Keiner gönnte dem anderen die Liebe des Mädchens. Sie schlugen so lange aufeinander ein, bis einer nach dem anderen tot zur Erde sank. Die beiden letzen gaben sich gleichzeitig den Todesstoß. Das Mädchen, das mit der Liebe der Burschen gespielt hatte, sah nun, was es mitseinem Hochmut und seiner Eitelkeit angerichtet hatte und warf sich auf die Leiber der Erschlagenen. Sein Herz brach ihm vor Trauer und Schmerz und es starb auf der Stelle. Der Teufel hatte sein böses Spiel gespielt.
DER MANN OHNE KOPF
An dem alten Fahrweg vom Dorf auf die Bauerschaft Ahlintel zu konnte man früher um Johanni herum dem Mann ohne Kopf begegnen. Es war ein schauriger Anblick, ihn daherstapfen zu sehen ohne Rast und Aufenthalt, als müsse er noch unbedingt ein Ziel erreichen. Niemals ist einer durch ihn zu Schaden gekommen, wenngleich sich bei seinem Anblick die Hunde jaulend davon machten und jeder gut daran tat, vom Bock des Wagen zu steigen und das Pferd an der kurzen Leine zu führen, damit es nicht scheute. Ein junger Mann stieß im Sternbusch unerwartet auf den Mann, der seinen Kopf in den Händen hielt. Dabei hätten ihn die beiden Augen seines Gegenübers gar nicht drohend angeblickt, nein - sie seien voll Trauer gewesen, so das seine eigene Angst langsam gewichen sei und sich ehr in Mitleid gewandelt hätte. Dann hat sich der Spuk abgewandt und sei im Gebüsch verschwunden. Am Abend erzählte er natürlich sein Erleben. Ein paar Großmäuler lachten ihn glatt ob seiner Spökenkiekerei. Aber unser Gewährsmann lächelte in sich hinein, als die Spötter ganz und gar nicht den Dreh fanden, in die dunkle Nacht hinein aufzubrechen und immer neue Vorwände suchten, noch zu bleiben. Der Mann ohne Kopf wurde immer seltener gesehen und heute weiß kaum noch einer von ihm. Er paßt auch wohl nicht mehr in unsere Welt. Leute die den Kopf verlieren, gibt es ja auch heute noch; aber Leute die den Kopf unter den Arm nehmen können, sind inzwischen ausgestorben.
DER FISCHER VON EMSDETTEN
Ein braver Fischer ging zur Ems,
zu fischen mit der Angel;
Er fischte gut und fischte recht,
am Glücke war kein Mangel.
Er zog und zog der Fische viel
zum hohen Uferrande;
Die schienen alle wunderschön,
im goldbestrahlten Sande.
Doch einen, der der größte war,
den hob er auf den Rücken;
Und nimmer trug er größre Last,
er mußte tief sich bücken.
So kommt er zu der Stelle hin,
wo Kreuz und Buche stehen,
und macht am ersten Kreuze halt -
Er kann nicht weitergehen.
Da spricht der Fisch - so wunderbar,
So süß ist seine Stimme:
Zurück, zurück! Nicht weiter jetzt!
Ich sonst gar sehr ergrimme.“
Was war zu tun? Der Fischer stand
mit schweißbedeckter Stirne,
Vor Angst emporgesträubt das Haar
Und stockend Blut im Hirne.
Das Beste sei, so deuchte ihm,
Nicht länger mehr zu weilen
Und nach des Fisches Wunsch zugleich
zur Ems zurückzueilen.
Am Ufer setzt den Fisch er ab
Bei Abendsonnengluten,
Fast ihn behutsam um den Leib
Und wirft ihn in die Fluten.
Der schlägt den Schwanz und schlägt den Strom,
Als wollt er nun wegtraben,
Und lacht den weisen Fischer aus,
Das der sein Glück begraben.